Ein Plädoyer für kleine und bedrohte Sprachen

Die UNESCO erwartet, dass “wenn nichts getan wird, die Hälfte der weltweit mehr als 6.000 Sprachen bis Ende dieses Jahrhunderts verschwinden wird” und befürchtet das insbesondere “mit dem Verschwinden der ungeschriebenen und undokumentierten Sprachen der Menschheit nicht nur kultureller Reichtum verloren geht, sondern auch wichtiges Wissen, eingebettet in vor allem alten Minderheitensprachen.” Aber die UNESCO weist auch darauf hin, dass “dieser Prozess weder unvermeidlich noch unumkehrbar ist, gut geplante und umgesetzte Sprachenpolitik kann die Bemühungen der gegenwärtigen Sprecher diese Sprachen zu erhalten, untertützen und neu beleben, so das diese Sprachen auch an jüngere Generationen weitergegeben werden können. (UNESCO: Endangered Languages, http://www.unesco.org/new/en/culture/themes/endangered-languages/ )

 

Aber was kann wirklich im Bezug auf Sprachenpolitik für kleine und bedrohte Sprachen durchgeführt werden und was können wir tatsächlich tun? Macht es überhaupt Sinn, um Sprachen zu erhalten? Am 15. September 2010 fand die folgende Diskussion auf der BBC statt:

 

Languages, which every European Union member has signed, and the EU has a European Language Diversity For All programmes, designed to protect the most threatened native tongues. At the end of last year the project received 2.7m euros to identify those languages most at risk.
But for some this is not just a waste of resources but also a misunderstanding of how language works. The writer and broadcaster Kenan Malik says it is “irrational” to try to preserve all the world’s languages.
Earlier this year, the Bo language died out when an 85-year-old member of the Bo tribe in the India-owned Andaman islands died.
While it may seem sad that the language expired, says Mr. Malik, cultural change is driving the process.
“In one sense you could call it a cultural loss. But that makes no sense because cultural forms are lost all the time. To say every cultural form should exist forever is ridiculous.” And when governments try to prop languages up, it shows a desire to cling to the past rather than move forwards, he says.
If people want to learn minority languages like Manx, that is up to them – it shouldn’t be backed by government subsidy, he argues.
“To have a public policy that a certain culture or language should be preserved shows a fundamental misunderstanding. I don’t see why it’s in the public good to preserve Manx or Cornish or any other language for that matter.” In the end, whether or not a language is viable is very simple. “If a language is one that people don’t participate in, it’s not a language anymore.”
Wicked words
The veteran word-watcher and Times columnist Philip Howard agrees that languages are in the hands of people, not politicians. “Language is the only absolutely true democracy. It’s not what professors of linguistics or academics or journalists say, but what people do. If children in the playground start using ‘wicked’ to mean terrific then that has a big effect.”
Minority language translators at work at the National People’s Congress Minority language translators at work at the National People’s Congress
The former Spanish dictator Franco spent decades trying to stamp out the nation’s regional languages but today Catalan is stronger than ever and Basque is also popular.
And Mr. Howard says politicians make a “category mistake” when they try to interfere with language, citing an experiment in Glasgow schools that he says is doomed to fail. “Offering Gaelic to children of people who don’t speak it seems like a conservation of lost glories. It’s very romantic to try and save a language but nonsense.”
But neither is he saying that everyone should speak English. “Some people take a destructivist view and argue that everyone will soon be speaking English. But Mandarin is the most populous language in the world and Spanish the fastest growing.”
There are competing forces at work that decide whether smaller languages survive, Howard argues. On the one hand globalisation will mean that many languages disappear. But some communities will always live apart, separated by sea, distance or other barriers and will therefore keep their own language. With modern communications and popular culture “you find that if enough people want to speak a language they can”.
In short, there is no need for handwringing.
“Language is not a plant that rises and falls, lives and decays. It’s a tool that’s perfectly adapted by the people using it. Get on with living and talking.” (BBC, 15 September 2010, http://www.bbc.co.uk/news/magazine-11304255 )

 

Es ist mit Sicherheit nicht alles verkehrt was Herr Malik und Howard hier beschreiben und erläutern. Tatsache ist jedoch, dass allzu oft die Entwicklung und Förderung von Sprachen nicht durch freie Wahl erfolgte. Die Förderung und Verwendung einer bestimmten Sprache wurde in der Regel durch die Diskriminierung anderer Sprachen erreicht, nämlich in dem man deren Status aberkennt und diese als ländliche und rückwärtsgewandte Dialekte beschreibt während man einige bestimmte Sprachen einen elitären und wissenschaftlichen Ruf gibt. Die meisten Sprachen sind nicht durch demokratische Wahl verschwunden sondern durch Gewalt, Vernachlässigung der Beamten und verschiedenen Methoden der Diskriminierung, oft auf subtile Weise. Das Schicksal des Gälischen in Irland, des Niedersächsischen (Niederdeutschen) in Deutschland oder der indigenen amerikanischen Sprachen sind gute Beispiele.

 

Darüber hinaus ist die Erhaltung von Sprachen, die derzeit an den Rand gedrängt werden und vor dem Aussterben stehen wirklich “Unsinn”? Sprachen, auch die kleinsten, sind wie alte Musikstücke oder Kunstwerke und funktionieren auch auf gleiche Weise. Alte Kunstwerke, sowie wie Rembrandts Nachtwache, erzählen uns etwas über unsere Vergangenheit, sie beschreiben oft einen wichtigen Moment aus einer bestimmten Epoche was wiederum relevant ist für die Entwicklung unserer heutigen Gesellschaft. Alte Musik und Kunstwerke geben uns eine Vorstellung vom Leben in der Vergangenheit und von unseren Ursprüngen. Würde man aber die Gedankengänge der Herren Malik und Howard konsequent weiterverfolgen dann wäre aber selbst die Nachtwache eine wertlose und romantische Malerei aus der Vergangenheit. Viele Menschen bezahlen dennoch hohe Preise um alte Bilder zu kaufen, um sie zu bewahren und sie im Detail zu studieren. Das gleiche gilt für die Musik von Johan Sebastian Bach, sie ist in einem alten Format komponiert für alte Instrumente, Rhythmus und Akkorde entsprechen dem Geschmack und Tänzen des 17. Jahrhunderts. Müssen wir dann all denen, die Bachs Musik hören und aufführen, vorwerfen altmodisch und weltfremd zu sein? Und selbst wenn dies der Fall wäre, wie kann es dann sein, dass Millionen von Menschen große Summen Geld aufwenden um seine Musik zu erwerben und aufzuführen? Es muss doch etwas faszinierendes in der Musik von Bach vorhanden sein, was die Leute noch immer anzieht, etwas was uns entspannt und uns aus dem Alltag herauslöst und sei es nur dadurch das wir uns in unserer Phantasie ins 17. Jahrhundert zurückversetzen. Und wie könnten wir einen authentischen, im 17. Jahrhundert spielenden Film produzieren, wenn wir nicht die Gemälde, die Musik und die Kenntnis der Sprachen aus der damaligen Zeit bewahrt hätten?

 

Eine Minderheitensprache wie Gälisch, die nur ein paar tausend Menschen sprechen scheint unbedeutend und peripher für unsere globalisierte Welt zu sein, aber es gibt Interessierte, die zu den Hybriden oder an die Westküste Irlands reisen um diese Sprache zu hören. Es ist für sie dasselbe was für andere Bach oder Rembrandt ist, die Sprache hat etwas, was sie mit ihr verbinden, worin sie etwas entdecken, was sie wiedererkennen und genießen. Sie werden durch die Erzählungen und Volkslieder in dieser Sprache inspiriert so wie jemand beim Beobachten eines Sonnenuntergangs an einem Strand in Kalifornien. Diese Interessierten erwarten, dass die alten Volkslieder in Gälisch gesungen werden, würden diese Volkslieder in Englisch gesungen wäre das für diese Zuhörer als wenn jemand van Goghs Sonnenblumen kopiert, vielleicht eine gute Kopie aber niemals ein Ersatz für das Original.

 

Es ist immer noch möglich den alten Erzählungen und Liedern der Hebriden zuzuhören dank der Weitergabe der vielen Generationen, aber auch dank der gälischen Schulen, welche die alte Sprache mit finanzieller Unterstützung der Öffentlichkeit in den letzten Jahrzehnten konserviert und gelehrt haben. Aber Malik und Howard zur Folge ist dies ein nutzloser Zeitvertreib für den die Regierungen kein Geld ausgeben sollten. Wenn dies aber wirklich so sein sollte, wäre es dann nicht auch ein nutzloser Zeitvertreib und Geldverschwendung der Öffentlichkeit wenn an Musikschulen weiterhin die Musik von Bach studiert wird oder an Kunstakademien den Studenten die Techniken Rembrandts erläutern? Sollten wir die National Gallery in London oder die Wiener Philharmoniker schließen, weil sie Kultur aus der Vergangenheit bewahren?

Jede Sprache ist so wie ein Kunstwerk, wie ein Gemälde oder ein Musikstück. Gedichte und Lieder werden aufgeführt, Geschichten werden von Generation zu Generation weitergegeben und bewahren altes Wissen und Kultur. Ohne dieses Wissen wüssten wir nicht was Ortsnamen bedeuten, welche Menschen dort gelebt haben, was die ursprüngliche Funktionalität der Siedlung war, was diese von den umliegenden Dörfern oder Städten unterscheidet, warum einige Standorte besser für den Anbau landwirtschaftlicher Produkte sind als andere usw. Hätte Herr Malik recht, dann könnten wir alle unsere Ortsnamen durch Nummern ersetzen, das wäre doch viel funktionaler. Die Frage stellt sich nur wie populär das sein würde.

 

Trotz aller Rückschläge die wir in weiten Teilen der Welt erfahren durch z.B. die fortwährenden Kriege im Nahen Osten oder noch immer weitverbreiteter Armut, der allgemeine Trend zeigt doch einen zunehmenden globalen Wohlstand an. Dieser schafft mehr Freizeit und Tourismus und damit auch ein zunehmendes Interesse an den Kulturen der verschiedenen Regionen unserer Welt. Aber dieses zunehmende Interesse würde ab-absurdum geführt, wenn am Ende alles einheitlich werden würde, überall die gleiche Sprache, die gleiche standardisierte Musik als Hintergrund und dieselben standardisierten Gemälde als Dekoration. Dies würde in die farblose graue Welt führen, die George Orwell einst in seinem Roman “1984” beschrieben hatte. Also, wenn wir wollen, dass wir verschiedene Varianten haben, verschiedene Arten von Musik und Malerei, dann müssen wir auch versuchen die verschiedenen Sprachen beizubehalten und in diesem Zusammenhang sind Investitionen in die Vielfalt der Sprachen ebenso legitim und nützlich wie Investitionen in Kunstakademien oder Musikschulen.

 

Aber, wie bereits Malik und Howard auch richtiger Weise andeuteten, Sprachen verändern sich auch und entwickeln sich weiter, so wie Kunst und Musik. Eine Menge neuer Ausdrücke, Formen von Musik und Kunst entstehen, alles mit seinem eigenen Wert, aber gleichzeitig greifen sie auch auf zuvor erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten zurück. Darüber hinaus können neue Ausdrücke auch mit alten kombiniert werden, genau wie moderne Kunst- und Musikformen gut und konstruktiv mit alten zusammenleben. Menschen sind in der Regel in der Lage, mehr als eine Sprache zu erlernen, so wie Musiker in der Regel auch alte und neue Musik erlernen können und auch spielen können. Erschaffen nicht alle Sprachen aus älteren Ausdrücken neue und wäre es dann nicht sinnvoll, vom Aussterben bedrohte Minderheiten und Regionalsprachen zu erhalten und zu lehren und dadurch auch weiterhin unsere moderne Welt zu bereichern?

 

© Helge Tietz 2014

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